Heute gibt es wieder einen Gastbeitrag, den diesmal der nEcrO für euch verfasst hat. Meiner Meinung nach schreibt er nämlich sehr schöne Texte, macht das aber leider viel zu selten. In diesem Sinne, Licht aus – Spot on!
Und ich sitz hier heut Nacht allein und trinke meinen roten Wein
Ich habe mal irgendwo gehört, dass nahezu die Hälfte aller produzierten Musikstücke im weitesten Sinne inhaltlich mit Liebe zusammenhängt. Sicherlich ist nicht jedes davon explizit ein Liebeslied – wobei – wo zieht man da die Grenze? Da jeder Mensch Liebe und damit vermutlich auch Liebeslieder anders definiert, könnte man annehmen, dass es schwer für mich war, hier die eine Rosine herauszupicken.
Dem war aber überhaupt nicht so: Mit dem Thema war mir der dazu passende Song mehr oder weniger sofort klar. Meine Wahl fiel auf Götz Widmann mit seinem Song Die zwei Trauben.
Götz Widmann als einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Liedermacher – damit ist die musikalische Rezeption für ein Liebeslied dann doch fast schon wieder zu klassisch: Der einsame Sänger alleine mit seiner Gitarre. Und trotzdem schafft es der Song, dieses Klischee zu durchbrechen.
Die meisten Liebeslieder handeln einseitig. Es wird das Gefühl beschrieben in die Person X verliebt zu sein, oft genug natürlich auch von enttäuschter Liebe. X hat dabei im Allgemeinen überhaupt keine Ahnung von diesem Gefühl oder, gar dass sie gerade Gegenstand eines musikalischen Stückes wird.
Die zwei Trauben funktioniert anders. Der Erzähler bleibt in seiner Rolle und berichtet uns von einer Liebe die wechselseitig besteht, aber trotzdem nie funktionieren kann. Diese Konstellation ist sicherlich auch nichts neues, aber sie kommt meiner Meinung nach trotzdem nicht so häufig in Liebesliedern vor.
Die Lieder von Götz Widmann besitzen meist eine gute Portion Wortwitz und dieser wird auch hier, trotz des melancholisches Charakters des Stückes, nicht ausgelassen. Dazu kommt das wunderschöne Gleichnis auf dem der ganze Song aufbaut. So kann ich am Ende nicht mal genau sagen, weshalb ich die zwei Trauben so mag – das Lied ist einfach in sich stimmig, hat (fast) ein happy end und erzeugt bei mir das Gefühl, das ich irgendwie beim Hören eines Liebesliedes erwarte. Und wiederum dieses kann man auch nur sehr schwer in Worte fassen. Das liegt vermutlich an dem ganzen Komplex „Liebe“ den jeder, wie eingangs erwähnt, nun mal anders für sich definiert und empfindet.
Nun könnte man sich natürlich die Frage stellen, warum ich nach dieser Erkenntnis überhaupt noch einen Text über ein Liebeslied schreibe. Aber vielleicht findet sich ja da draußen jemand, der dieses kleine Stück Musik genauso lieb gewinnt wie ich. Und wenn er dann das nächste Mal alleine vor seinem Glas Rotwein sitzt daran denkt, dass vielleicht gerade in diesem Moment jemand das selbe tut und dabei überlegt, was die Trauben wohl erlebt haben bevor sie in der Weinflasche gelandet sind…
Götz Widmann – Die Zwei Trauben
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