Ich hatte mir schon gedacht, dass es irgendwann so weit kommen würde, aber ich hatte keine Ahnung wann und wie. Und dann, ganz plötzlich, war es soweit und ich bin regelrecht ausgeflippt:
Ich habe den technischen Fortschritt meiner Generation satt, ich kann das Social Network nicht mehr ertragen, das Informationszeitalter ist mir unerträglich geworden. Der andauernde Dateninput, die allumfassende Vernetzung, die ständige Erreichbarkeit, es ist mir einfach zu viel. Und der Fortschritt nimmt kein Ende.
Versteht mich nicht falsch, ich finde Fortschritt gut. Verbesserungen, Optimierungen und Erneuerungen sind durchaus erstrebenswert und im Grunde möchte auch ich jeden Unsinn mal ausprobiert und mitgemacht haben, aber zunehmend habe ich das Gefühl, dass dabei andere Dinge auf der Strecke bleiben die mir wichtig sind. Kaum einer macht sich heute noch die Mühe einen persönlichen Brief zu schreiben, geschweige denn auf so etwas banales wie Groß-, Klein- oder überhaupt irgendeine Art von Rechtschreibung zu achten. Das Schriftbild der digitalen Welt folgt einem völlig autonomen Weg, der sich irgendwo im Nichts verliert. Des weiteren sorgt das Social Network zwar dafür, dass jeder irgendwie mit jedem verbunden ist und man bei Bedarf sehen kann, was die Anderen gerade machen, aber ich habe das Gefühl als ob es die Menschen dadurch eher entfremdet als zusammen bringt. Warum zum Telefon greifen und jemanden anrufen, wenn man doch nur sein Social-Profil aufklicken muss und dann nachlesen kann, was es gerade aktuelles gibt. Stattdessen piepst, blinkt und singt das Telefon ausschliesslich um auf Tweets, E-Mails oder Chatnachrichten aufmerksam zu machen. Jeder der etwas von mir will hämmert ein bis zwei Zeilen in sein Telefon oder Computer, drückt auf absenden und zack – schon bin ich informiert. Doch ich kann das Piepen, Blinken und Singen schon länger nicht mehr ertragen. Dabei fing alles ganz harmlos an.
Vor ein paar Monaten meldete ich mich bei StudiVZ ab (einen Facebook-Account hatte ich ohnehin nie), weil ich keine Lust mehr auf 150 virtuelle “Freunde” hatte, die ich mal irgendwann, irgendwo getroffen habe und für die meine Ablehnung ihrer Freundschaftsanfrage scheinbar eine Aufforderung darstellte, immer und immer wieder anzufragen. Dann beendete ich meine Mitgliedschaft bei Miso, weil ich es niemandem mehr zumuten wollte, meine abendlichen Mädchenserienorgien zu ertragen. Letzte Woche habe ich meinen Gowalla-Account lahm gelegt, weil es im Grunde völlig uninteressant ist, wo ich gerade meine Frühstücksbrötchen kaufe oder meine weißen Beine in die Sonne strecke. Selbst meine Tweets bestanden in letzter Zeit nur noch aus Verlinkungen zum Blog oder Retweets. Am Ende war ich selbst von meinem eigentlich geliebten Twitter so genervt, dass ich der Hälfte aller bisher gefolgten Personen entfolgt bin, weil ich ihre Tweets nicht mehr ertragen konnte.
Und letztes Wochenende war es dann also so weit und ich beschloß irgendwie komplett auszusteigen. Also zumindest ein bißchen. Ich schwöre jetzt nicht dem Internet ab und verfluche das Social Network, aber ich habe mein Smartphone verkauft und nutze ab nun wieder das gute, alte und treue Nokia 6210.
Kein Farbdisplay, kein Internet, keine Kamera, kein Schnickschnack, nur telefonieren und SMS schreiben, genau wie “früher”. Kein Twitter, keine Check-Inns, keine Navigation. Back to the roots meine Lieben. Natürlich werde ich auch einige Dinge vermissen – mal schnell eine Bahnverbindung raussuchen, wieviele Besucher hatte mein Blog gestern eigentlich und wie wird morgen das Wetter? – aber früher ging es auch ohne Smartphone und ich habe ja noch einen Laptop, mit dem ich solche Dinge klären kann. Und weil ich mich gerade in einer derartig nostalgischen Phase befand, kaufte ich mir auch gleich noch ein Festnetztelefon mit Schnur. Es ist quietschbunt und man muss beim telefonieren sitzen bleiben anstatt nebenbei noch Hausarbeit oder anderen Krempel erledigen zu können. Das hat mir gefehlt, reden und dabei nichts tun. Das verlernt man viel schneller als man denkt.
Ein paar Menschen habe ich schon vor diesem Blogeintrag von meinem Vorhaben erzählt und dafür hauptsächlich ungläubige Blicke geerntet: “Du willst auf dein Smartphone verzichten?”, “Man kann dich nur noch per SMS oder mit einem Anruf erreichen?”, “Du kannst dich doch dem Fortschritt nicht entziehen!”, “Dann musst du aber auch aufs Internet und deine Spielkonsole verzichten, das wäre nur konsequent… “. Himmel, ich geh doch nicht unter die Einsiedler! Auf keinen Fall möchte ich komplett auf das Internet oder meine geliebte Konsole oder allgemein die Möglichkeit ein Handy zu benutzen verzichten, aber ich möchte meine Zeit einfach etwas weniger in der digitalen Welt verbringen. Und macht euch keine Sorgen, sicher finde ich auch das irgendwann wieder doof und mache vielleicht wieder das Gegenteil oder etwas ganz anderes, aber für den Moment finde ich meine Entscheidung sehr gut. Natürlich hätte ich mich auch einfach nur ein bißchen einschränken können, aber wenn man die Möglichkeit hat immer und überall Daten und Informationen abzurufen, dann tut man es auch. Ich zumindest. Es ist die Macht der Gewohntheit. Bevor ich mit meinem Mobiltelefon twittern oder im Internet surfen konnte, habe ich unterwegs ständig Bücher gelesen. Egal wie dick das Buch war, es war meist viel zu schnell vorbei. Damit habe ich irgendwann aufgehört, weil ich stattdessen immer mein Handy aus der Tasche geholt habe. Aber ich möchte wieder zurück zu meiner Buchtradition, statt nur aus Gewohnheit mit meinem Handy herumzuspielen.
Vielleicht werde ich auch alt, ich weiß es nicht, aber manchmal wünsche ich mir einfach ein bißchen von “früher” zurück. Damit meine ich nicht diesen Ostalgie-DDR-Quatsch oder dieses Retro-ist-wieder-in-Zeug, sondern einfach ein paar der unpraktischen Technikdinge, die ich so innig geliebt habe. Zum Beispiel meinen Pager, per SMS chatten (heute billig, früher unglaublich teuer, aber trotzdem gern ausgelebt), nach Hause kommen und den Anrufbeantworter abhören (mit einem Knopfdrück und nicht, indem man die Mailbox anruft), meinen geliebten Walkman (er war aus transparentgrünem Plastik und hat mich überall hin begleitet) oder Lieblingsserien im TV auf VHS mitschneiden. Die 90er hatten für mich durchaus einen gewissen Charme. Heute wird immer alles optimiert damit das Leben schneller und praktischer ist und das ist natürlich auch gut so, aber noch vor ein paar Jahren hat man sich für manchen Sachen einfach mehr Zeit genommen, eben weil es nicht schneller ging. Und ich für meinen Teil habe diese Zeit sehr genossen. Doch heute muss alles einfach schneller, größer (oder kleiner – je nach dem) und besser sein, da ist für meine Art der Nostalgie einfach keinen Platz mehr und manchmal macht mich das wirklich traurig.
Für mich gibt es also viele Gründe mal ein bißchen Abstand von dem rasanten Lebenstil meiner Generation zu nehmen. Nicht mehr ununterbrochen vernetzt und über alle Channels erreichbar zu sein. Sicherlich sind meine Ansichten teilweise etwas verschroben und altmodisch, übertrieben und eigensinnig, aber so bin ich. Ich werde damit nicht die Welt verändern oder einen neuen Trend auslösen, aber das möchte ich auch gar nicht. Ich mache das nur für mich, weil ich mich damit gut fühle. Dennoch wollte ich euch teilhaben lassen, denn mein Blog geht mir noch nicht auf die Nerven und das finde ich wirklich gut. Und im Grunde bin ich auch nur ein Junkie des Informationszeitalters. Zwar Einer, der gerade versucht sich der Medienflut ein Stück weit zu entziehen, aber dennoch ein Junkie :-)
Und jetzt suche ich erstmal meinen alten Game Boy und zocke noch eine Runde Tetris, während ich eine Musikkassette mit meinem Walkman höre und in längst vergessenen Zeiten schwelge. Back to the roots eben. Ihr wisst jetzt Bescheid.


