Zerrissen

Das Beste an der Vergangenheit ist, dass sie bereits vergangen ist. Aber was passiert, wenn die Vergangenheit nicht bereit ist loszulassen? Was ist, wenn dich die Vergangenheit immer wieder einholt, auch wenn du glaubst sie längst verarbeitet zu haben? Wenn sie so zäh an dir klebt, wie Kaugummi an einer Schuhsohle und dich unnachgiebig in deinen Träumen verfolgt, Nacht für Nacht? Dann liegst du stundenlang in der Dunkelheit wach und führst in deinem Kopf lange Monologe mit den Menschen aus deiner Vergangenheit.  Du sagst ihnen all die Dinge, die du ihnen bisher nicht sagen konntest und fragst sie alles, was du noch immer nicht verstanden hast. Vielleicht ist das auch der Grund warum sie dich verfolgen, weil du ihre Antworten nicht hören kannst.

Im Laufe der Jahre kommen und gehen viele Menschen durch dein Leben. Einige wenige überstehen die Zeit und andere hinterlassen beim Abschied tiefe Narben. An manchen Narben bist du selber Schuld, bei manchen Narben warst du einfach zur falschen Zeit am falschen Ort und nicht alle Narben sind auf negative Erlebnisse zurück zu führen. Und obwohl diese Vergangenheitsmenschen weiterziehen und irgendwann einfach ganz verschwinden, bleiben ihre Spuren für alle Zeit gut lesbar zurück. Irgendwann beginnst du dann damit, dir deine Fragen selber zu beantworten, um vergangene Ereignisse besser zu verstehen. Aber im Grunde hast du keine Ahnung, bis zu dem Tag an dem du die Möglichkeit bekommst, jene Menschen wieder zu treffen und mit ihnen zu reden.

Aber so einfach ist es am Ende meist doch nicht. Wie hoch ist schon die Wahrscheinlichkeit einen dieser Menschen wieder zu treffen? Und selbst wenn du eine aktuelle Telefonnummer herausfinden solltest, so verlässt dich doch der Mut, noch bevor du dein Telefon zur Hand genommen hast. Denn du weißt, du hast nur eine Chance. Nur einen Versuch um wieder einen Kontakt herzustellen. Und solltest du dich dennoch überwinden oder tatsächlich einen der für dich so wichtigen Vergangenheitsmenschen treffen, dann wollen sie wahrscheinlich gar nicht mit dir reden oder aber du redest mit ihnen und obwohl es sich für den Moment gut anfühlt bist du hinterher enttäuscht, weil ihre Antworten nur noch mehr Fragen aufgeworfen haben. Und dann liegst du nachts wieder in deinem Bett und die Vergangenheit macht sich ein Spaß daraus, aus den hintersten Ecken deines Gehirns immer und immer wieder diese Menschen hervor zu wühlen, die du so sorgsam in deinem Kopf versteckt hast, weil du die Narben und die Erinnerungen einfach nicht mehr ertragen kannst.

Ich habe mich oft gefragt wie ich diesen Kreislauf durchbrechen kann, denn ganz offensichtlich habe ich meine Vergangenheit nicht sehr gut im Griff. Ich liebe meine Gegenwart, ich bin gespannt auf meine Zukunft, aber dennoch kann ich die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Oder sie mich nicht? Ich weiß es nicht genau. Ich weiß nur, dass es eine handvoll Menschen gibt, die mich immer und immer wieder in meinen Träumen heimsuchen. Dann ist plötzlich alles wieder in Ordnung. Freundschaften sind gekittet, gebrochenes Vertrauen geheilt und über allem schwebt diese Unbeschwertheit, die man, wenn sie einmal verschwunden ist, niemals wieder so zusammen empfinden kann. Und dann wache ich mit diesem schalen Geschmack auf der mir signalisiert, dass diese handvoll Menschen, die unterwegs verloren gegangen sind, noch immer genau das sind – verloren. Weg. Unerreichbar. Dann ist es völlig egal wie schön die Gegenwart ist oder die Zukunft werden wird, dann ist da einfach nur diese tiefe Traurigkeit in mir und das Gefühl, falsche Entscheidungen getroffen, zu wenig gekämpft und zu viel verdrängt zu haben. Und dann liege ich in der folgenden Nacht wieder wach, führe Monologe ohne Antworten und frage mich, ob ich es irgendwann aus diesem Teufelskreis schaffen werde.

Doch statt mich um meinen Schlaf zu bringen, möchte ich lieber das Telefon zu Hand nehmen und die Probleme und Missverständnisse aus der Vergangenheit klären. Oder, wenn es angebracht ist, möchte ich mich für meine Fehler entschuldigen, ihnen sagen, dass ich unreif und kindisch war aber, dass ich es damals einfach nicht besser wusste. Ich möchte ihnen sagen, dass es mir leid tut und, dass sie mir fehlen. Denn egal wie oft und lange ich wach liege, egal wieviele Narben ich mit mir herum trage, eines kann ich nicht, nämlich es bereuen, dass ich diese Menschen getroffen und in mein Leben gelassen habe. Nein, ganz im Gegenteil. Ich möchte sie wieder zurück in meinem Leben. Oder wenigstens die Möglichkeit haben, jederzeit mit ihnen zu reden, wenn mir danach ist und feststellen zu können, dass es ihnen gut geht. Denn auch wenn ich mir tagsüber viel Mühe gebe mich nicht in Erinnerungen zu verlieren, nachts habe ich darüber keine Kontrolle mehr und dann wird mir wieder schmerzlich bewusst, wieviel mir diese Menschen aus meiner Vergangenheit noch immer bedeuten. Auch wenn ich bis dahin vielleicht geglaubt hatte, dass ich längst über sie hinweg bin.

Auch wenn sie davon keine Ahnung haben.