Light Me Up

Es begab sich zu einer Zeit, in der man im Internet noch nicht alles per Google finden konnte. Auch zu dieser Zeit war ich bereits der Musiksucht verfallen und immer daran interessiert neue und gute Musik zu entdecken. Tatsächlich fand ich diese Musik damals noch bei VIVA oder MTV, da einer dieser Musiksender im Grunde ununterbrochen im Hintergrund lief. Damals wurde wirklich noch Musik ausgestrahlt und so kam es häufig vor, dass das Video eines Künstlers oder einer Band über den Bildschirm flimmerte das ich bisher noch nicht kannte, aber der Song mir sofort im Ohr hängen blieb. So bin ich zum Beispiel auf Nikka Costa, Boomkat oder die Lost Prophets, auf die Arctic Monkeys, Audioslave, Joss Stone und Kain aufmerksam geworden.

Heute ist es natürlich wesentlich einfacher neue Musik zu finden. Plattformen wie Last.fm oder Simfy zum Beispiel sind darauf angelegt Musik zu vernetzen und für jedermann frei zugänglich zu machen. Doch mein Problem dabei ist, dass es einfach zu viel Musik gibt. Ich kann neue Musik nicht einfach so nebenbei hören, sondern zelebriere neue CDs mit aktivem Hören. Musik die neu ist und nur nebenbei läuft geht bei mir oft unter und nervt mich dann schnell ohne, dass ich so recht weiß was das Problem ist. Deswegen höre ich neue Musik also aktiv ohne nebenbei etwas anderes zu machen. Bei der riesigen Auswahl im Internet ist es aber schwer, die richtige Musik auszusieben ohne alles anhören zu  müssen und deswegen entdecke ich heute gute Künstler oder eine Band meist über Mundpropaganda oder ich stolpere durch Zufall über sie. Und so bin ich auch auf meine neueste Entdeckung gestoßen, The Pretty Reckless.

Eigentlich war ich auf der Suche nach einer neuen Frisur (ja, wir Mädchen machen sowas manchmal) und stieß dabei auf the beautiful and talented Taylor Momsen, bekannt aus Gossip Girl, wo sie die Rolle der Jenny Humphrey  spielt.

 

Aber die Bilder der Google-Suche zeigten nicht die kleine Jenny sondern ein Rock Chick der Extraklasse und ich erinntere mich daran, dass ich gelesen hatte, dass Taylor Momsen eine eigene Band hat. Neugierig was für Musik die 17-jährige wohl macht organisierte ich mir das Album. Ich dachte dabei mit etwas Unbehagen an Taylor Swift, süßes Mädchen, aber mit ihrer Musik kann ich nicht wirklich etwas anfangen. Doch dann hörte ich Light Me Up, das Album der The Pretty Reckless und war sofort hin und weg.

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Schon das Intro My Medicine ließ keine Fragen darüber offen, was für Musik mich bei den insgesamt zehn Tracks erwarten würden – eine wirklich gelungene Mischung aus Grunge und Rock. Taylors Stimme ist unglaublich rockig, kraftvoll, leicht kratzig und dennoch sehr gefühlvoll. Einfach beneidenswert.

Eigentlich vergleiche ich nur ungern irgendwelche Bands miteinander, weil ich bis heute nicht so recht verstanden habe, wie andere Menschen das machen und wen man auf keinen Fall vergleichen darf… , aber manchmal ist es doch so, man hört etwas neues und denkt dann spontan an eine andere Band. Vielleicht weil das Songintro an ein anderes Lied erinnnert oder der Gesang an jemand anderen, something like that. So ging es mir auch bei The Pretty Reckless, die ganz und gar nicht wie Ashley Tisdale oder Miley Cyrus (last.fm) bzw. Lindsay Lohan oder Katy Perry (simfy.de) klingen. Ganz im Gegenteil. Eher eine Mischung aus The Donnas, The White Stripes und Bonnie Tyler. Beim Hören kann ich einfach nicht anders, als den Regler hochzuziehen und abzugehen!

Aber überzeugt euch selbst, bei simfy oder mit den folgenden Clips.

The Pretty Reckless – My Medicine

The Pretty Reckless – Since You´re Gone (Live)

The Pretty Reckless – Miss Nothing (Unplugged)


Corners Of My Mind

Montag, 15.04 Uhr. Auf dem Weg von meiner Haustür zur Haltestelle überfällt mich eine bisher unbekannte Energie aus Selbstbewusstsein und Übermut. Ich hole mein Handy aus der Tasche und wähle seine Nummer. Es klingelt. Tuuut. Ich hole tief Luft. Tuuut. Was soll ich überhaupt sagen, wenn er tatsächlich abnimmt? Tuuut. Das Telefon rutscht mir fast aus der Hand, weil meine Hände schweißnass sind. Tuuut. Ich habe keine Ahnung, ob das überhaupt seine aktuelle Nummer ist. Tuuut. Seine Mailbox meldet sich. Ich lege auf, aber die Nummer stimmt schon mal, sehr gut. Eine Restportion Übermut packe ich mir noch für später ein, dann steige ich in meine Bahn.

Eine Stunde später, versuche ich es erneut. Nach dem zweiten Klingeln geht er ran. „Wollen wir mal wieder einen Kaffee trinken gehen?“, höre ich mich fragen. „Klar, können wir machen“ antwortet er. Daraufhin muss ich mich erstmal setzen. Meine Hände zittern und meine Beine fühlen sich an wie Wackelpudding. Aber ich lasse mir nichts anmerken und rede einfach locker weiter, als ob es ganz alltäglich wäre, dass ich ihn anrufe und Kaffee trinken will. Wir verabreden uns für Donnerstag, dann legt er auf. Und während mein Kopfradio die Rocky-Hymne abspielt, gehe ich in die Knie wie ein Fußballspieler der so eben das entscheidende Tor geschossen hat, reiße meine Arme hoch und rufe euphorisch „yyeeessss“! Satz, Punkt, Sieg, denke ich noch und dabei ist es mir völlig egal, dass die Leute auf der anderen Straßenseite schon komisch zu mir herüber schauen.

Und dann ist Donnerstag. Die Nacht vorher habe ich schlecht geschlafen und tagsüber konnte ich vor Nervosität kaum etwas essen. Auf dem Weg zum Treffpunkt verpasse ich erstmal meine Bahn und komme auch direkt zu spät, obwohl das überhaupt nicht meine Art ist. Auf den letzten Metern fangen meine Beine wieder an zu zittern und meine Hände werden nass. Ich denke mir, cool bleiben Puppe, denn cool bleiben kannst du echt gut. Und dann sehe ich ihn. Schon von weitem habe ich ihn erkannt, denn ich würde ihn immer und überall sofort wieder erkennen, egal wie viel Zeit vergangen ist. Während wir uns in ein Café setzen, normalisiert sich dann auch mein Puls langsam wieder und wir fangen an zu reden. Über dies und das, Job, Familie, Beziehungen, Musik. Und es fühlt sich wirklich gut an. Irgendwie vertraut, obwohl das eigentlich Unsinn ist, denn wir haben seit fast sechs Jahren nicht mehr wirklich miteinander geredet. Noch vor ein paar Wochen habe ich mich völlig zerrissen gefühlt und er war einer der Gründe dafür und nun saß ich ihm gegenüber. Nie hätte ich gedacht, dass ich ihn einfach anrufen und treffen kann.  Also, denke ich, jetzt oder nie, trau dich, deswegen bist du doch hier und dann fange ich an zu erzählen.

„Ich habe einen Blog im Internet“, sage ich. „Ich schreibe über persönliche Dinge und am Anfang habe ich über Musik gebloggt. Über Lieblingssongs aus Filmen, meiner Kindeit oder einen bestimmten Genre und so. An einem Tag im Januar hatte ich das Thema Ein Song der dich an eine bestimmte Person erinnert. Ich habe dir diesen Artikel mitgebracht und möchte, dass du ihn liest. Jetzt.“ Er sieht ein wenig irritiert, aber neugierig aus. Ich gebe ihm zwei Seiten Papier, die ich für ihn ausgedruckt habe und er beginnt zu lesen. Seine Miene lässt keinen seiner Gedankengänge erahnen und ich kann nicht länger hinschauen. Daraufhin beginnt mein Magen mit Überschallgeschwindigkeit Achterbahn zu fahren und mir wird furchtbar schlecht. Ich bin mir nicht sicher ob ich gleich brechen oder einfach in Ohnmacht fallen muss, aber ich hoffe inständig auf letzteres, weil das nur halb so peinlich wäre. Doch dann denke ich, wenn du jetzt umkippst, dann wird er nicht zu Ende lesen können, also reiß dich zusammen und bei diesem Gedanken muss ich sogar ein wenig Lächeln. Und dann, nach gefühlt unendlich vielen Minuten, schaut er auf.

Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung mehr, was er genau gesagt hat. Ich glaube etwas wie „Das ist wirklich gut geschrieben“ oder „Ein echt schöner Text“. Ich bin nur froh, dass er noch immer da sitzt und nicht einfach aufgestanden und gegangen ist. Er sieht ein bißchen gerührt aus, aber vielleicht bilde ich mir das im Nachhinein auch nur ein. Und dann sagt er: „Ich fühle mich geehrt, dass mir so eine große Rolle zu Teil wird“. Oder hat er statt „Rolle“ „Ehre“ gesagt? Mist. Ich kann mich wirklich nicht mehr erinnern. Statt dessen packe ich die Mädchen-Klischee-Kiste aus und fange an zu weinen. Ich bin einfach nur so erleichtert endlich alles „gesagt“ zu haben, was mir seit Jahren auf dem Herzen liegt, dass ich die Tränen nicht zurückhalten kann. Typisch, unnötig, peinlich, aber egal. Ich habe ihn so sehr vermisst und hatte Angst, dass es wieder nur zum Small Talk kommt oder schlimmer noch, er mir erklärt, dass ich ihn in Ruhe lassen soll und er mich ohnehin total doof findet. Irgendwie ist das ziemlich lächerlich und von weitem betrachtet halte ich mich auch für ein bißchen bescheuert, aber das ist ok. Als er mich dann noch fragt, ob er den Artikel behalten darf,  freue ich mich und bin auch ein bißchen stolz, dass er ihm anscheinend gut gefallen hat.

Es war schon ganz schön fies von mir, ihn einfach mit meiner Sicht der Dinge zu überrumpeln, aber ich musste unbedingt wissen, ob es für ihn und mich überhaupt noch eine Chance auf so etwas wie Freundschaft gibt. Ich weiß, man kann eine zerstörte Freundschaft nicht einfach wieder zusammenkleben, als wäre sie nur eine kaputte Vase, aber vielleicht kann man sich eine neue Basis schaffen?! Das fände ich wirklich schön, auch wenn ich nicht weiß, was genau er darüber denkt. Doch als wir uns nach zwei Stunden verabschieden, wollen wir uns auf jeden Fall wieder treffen oder, wenn die Zeit dafür zu knapp ist, telefonieren. Und das ist mehr, als ich mir bisher erhofft hatte.