One Word

Zur Zeit lese ich gerade den Bestseller „Eat Pray Love“ von Elizabeth Gilbert, der in den Medien zwar heiß diskutiert wurde, unter dem ich mir aber lange Zeit gar nichts vorstellen konnte. Das Buch ist durchweg spannend und interessant, nie langatmig oder langweilig. Beim Lesen fühlt es sich fast so an, als würde man mit einer guten Freundin in einem Café sitzen, während sie von ihrer letzten langen Urlaubsreise und ihrem Leben davor und danach erzählt. Immer wieder spricht Elizabeth auch über Dinge, die mich persönlich zum Nachdenken anregen und von einer speziellen Sache möchte ich euch nun erzählen.

2011-06-08_oneword

Elizabeth kommt aus New York, lebt aber gerade für vier Monate in Rom um in Italien sowohl la dolce vita, als auch die italiensche Sprache zu lernen. Eine Sprache die für sie, wie sie selber sagt, völlig nutzlos, aber wunderschön ist. Um ihr italienisch zu verbessern trifft sie sich häufig mit einheimischen Freunden und redet über Gott, die Welt und das Leben und eines dieser Gespräche handelt von folgender Theorie.

Mir kommt in den Sinn, was der Mann meiner Freundin Maria, Giulio, einmal zu mir gesagt hat. Wir saßen in einem Straßencafe´und hatten unsere Konversationsstunde, und er fragte mich, was ich den von Rom hielte. Ich sei ganz hingerissen von dieser Stadt, erwiderte ich natürlich, wisse allerdings auch, dass es nicht meine Stadt sei und ich nicht den Rest meines Lebens hier verbringen wollte. Denn Rom habe etwas an sich, das nicht zu mir gehöre, obwohl ich nicht so recht sagen könne, was. […]

Giulio meinte: „Vielleicht haben Rom und du ja nur verschiedene Worte dafür.“ – „Was meinst du damit?“ – Er erwiderte: „Weißt du nicht, dass der Schlüssel zum Verständnis einer Stadt und ihrer Menschen darin liegt, dass man lernt, wie das Wort der Straße lautet?“

Und er fuhr fort und erklärte mir in einer Mischung aus Englisch, Italienisch und Gesten, dass zu jeder Stadt ein Wort gehöre, mit dem man sie und auch ihre Bewohner charakterisieren könne. Wenn man die Gedanken der Menschen lesen könne, während sie auf der Straße an einem vorübergingen, werde man feststellen, dass an jedem Ort der Welt die meisten denselben Gedanken hätten. Und dieser mehrheitliche Gedanke sei auch das Wort dieser Stadt. Es erkläre alles an diesem Ort: die Ambitionen der dort lebenden Menschen, ihre Lebensform und so weiter. Und wenn dein persönliches Wort nicht zum Wort der Stadt passt, dann gehörst du nicht wirklich dorthin.

„Und was ist das Wort für Rom?“, frage ich. „Sex“, verkündet er. […] – „Sogar im Vatikan?“ – „Das ist was anderes. Der Vatikan gehört nicht zu Rom. Dort haben sie ein anderes Wort. Ihr Wort heißt Macht.“ – „Glaubst du nicht, dass es Glaube ist?“ – „Es ist Macht“, wiederholte er. „Glaub mir. Aber Roms Wort ist Sex.“ […]

Eine verrückte Theorie ist das, unmöglich zu beweisen, aber irgendwie gefällt sie mir.

„Was“, fragt Giulio, „ist das Wort für New York?“ Ich überlegte eine Weile und kam dann zu folgendem Schluss: „Natürlich ist es ein Verb. Ich glaube, es heißt erreichen.“ (Ein Wörtchen, das sich, wie ich glaube, geringfügig, aber grundlegend von dem Wort für Los Angeles unterscheidet, nämlich Erfolg haben. Später übrigens werde ich diese ganze Theorie meiner schwedischen Freundin Sofie erläutern, und Sofie wird feststellen, dass das Wort auf den Straßen Stockholms anpassen lautet, was uns beide deprimiert.)

„Wie heißt das Wort für Neapel?“, frage ich Giulio. „Kämpfen“, meint er. […] Aber Giulio war schon bei der nächsten und nahe liegenden Frage: „Welches ist dein Wort?“ Und diese Frage konnte ich definitiv nicht beantworten.

Dieses Gespräch hat mich sehr zum Nachdenken angeregt und natürlich die Frage aufgeworfen, welches Wort wohl meines ist. Mein Wort könnte durchhalten (zur Zeit), Veränderung oder erleben (allgemein) sein, aber im Grunde ist es unglaublich schwierig all seine Beweggründe und die Art, wie man sein Leben führt, in einem Wort zu vereinen. Aber vielleicht sollte man sich mit genau dieser Frage einmal eingehender beschäftigen. Nicht nur um mehr über sich selbst zu erfahren, sondern auch um zu überprüfen, ob das Leben das man lebt das Richtige für einen selbst ist oder ob man es nur führt, um sich den vorgegebenen Konventionen anzupassen, weil „man das nun mal so macht“.

Sein Wort zu kennen würde sicher viele Menschen zielstrebiger durchs Leben gehen lassen. Man würde einen Teil dieser Unsicherheit verlieren, die man immer mit sich herum trägt. Vielleicht würde man sogar andere Menschen, mit dem selben Wort treffen und könnte sich austauschen und gegenseitig unterstützen. Diesen Gedanken finde ich sehr schön.

Die Macht eines einzelnen Wortes sollte nie unterschätzt werden.