Wo darf ich unterschreiben?

Ich bin in meinem Leben wirklich oft umgezogen und noch nie hatte ich ein Problem damit eine neue Wohnung anzumieten. Doch jetzt, das erste Mal da ich aus Notwendigkeit und nicht aus purer Lust an Veränderung umziehen werde, eröffnet sich mir ein ganz neuer Horizont an Ignoranz, Verlogen- und Voreingenommenheit. An dieser Stelle würde ich mich gern für meine Wortwahl entschuldigen, aber ich bin immernoch zu empört und aufgebracht über das, was gerade passiert.

In etwa vier Monaten wird es in unserer Familie noch einmal Nachwuchs geben (jippie!). Uns war schnell klar, dass der Grundriss unserer aktuellen Wohnung dafür mehr als unpraktisch ist und wir deswegen vorher noch umziehen müssen. Eine gemütliche 3-Raum-Wohnung im schönen Schleußig soll es nun werden: Familienfreundliche Umgebung, Parks, Spielplätze, Stadtnähe, aber vor allem die Nähe zu unseren Freunden und Familien waren dafür ausschlaggebende Kriterien . Dass es schwer werden würde in Schleußig eine Wohnung zu finden wussten wir natürlich vorher, aber dass man die Ignoranz der Immobilienindustrie hier so dreist aufs Butterbrot geschmiert bekommt war uns bis heute morgen nicht bewusst.

Die erste Wohnung, die wir Anfang Februar anmieten wollten, stand bereits leer, doch man sicherte uns zu, dass eine spätere Anmietung im April kein Problem sei. Wir erbrachten alle nötigen Unterlagen und warteten tagelang auf einen Rückruf wegen der Vertragsunterzeichnung, doch es gab keinen Rückruf. Nach mehreren Nachfragen unserseits hieß es dann, man habe „spontan“ einen anderen Mieter gefunden der eher einziehen könne als wir. Von einer Reservierung der Wohnung wollte plötzlich keiner mehr etwas wissen. Pech gehabt, dachten wir uns und suchten weiter.

Die zweite Wohnung die für uns von Interesse war, begrüßte uns mit einem gewissen „Großstadtflair“, da zur Besichtigung letztes Wochenende etwa zehn Mietinteressenten gleichzeitig eingeladen wurden. Doch der Grundgriss gefiel uns so gut, dass wir beschlossen uns einen Vorteil zu verschaffen, indem wir bereits vor der Besichtigung alle notwendigen Unterlagen anforderten. Unser Plan war es, sollte uns die Wohnung auch „in natura“ gut gefallen, gleich nach der Besichtigung alle wichtigen Dokumente dabei zu haben, um die Wohnung direkt anmieten zu können. Gedacht, getan. Man wollte sich daraufhin ein paar Tage später bei uns melden. Auch hier warteten wir vergeblich auf einen Rückruf. Auf unser Nachfragen beim zuständigen Makler wusste der mit unserem Namen erst einmal überhaupt nichts anzufangen und konnte sich auch nur schwer an uns erinnern. Nachdem wir ihn ins Bild gesetzt hatten, vertröstete er uns auf Ende der Woche. Gestern riefen wir erneut an und wurden dann weiter auf „Mitte nächste Woche“, also etwas um den 14. März, vertröstet. Umso verwirrter waren wir natürlich, als heute morgen eine E-Mail von einem großen Immobilienportal im Posteingang landete, welches uns stets über neue Wohnungen in Schleußig auf dem Laufenden hält. Eine neue Wohnung wurde uns vorgeschlagen und siehe da, es ist exakt dieselbe Wohnung, wegen der wir gestern noch auf nächste Woche vertröstet wurden. Dieselben Bilder, derselbe Text, gleicher Ansprechpartner.

„So ist das im Kapitalismus“, sagt mein Liebster. „Reg dich nicht auf“, sagt er. Aber ich rege mich auf. Hier und Jetzt! Ich verstehe diese Ignoranz gegenüber potentiellen Mietern, ach was schreibe ich da, gegenüber anderen Menschen im Allgemeinen einfach nicht. Wo ist das Problem? Ist es wirklich zu viel verlangt, dass man ehrlich gesagt bekommt, dass man als Mieter nicht in Betracht gezogen wird? – Natürlich ist es zu viel verlangt, denn der brave Mietinteressent mit all seinen fein ausgefüllten Unterlagen würde ja gar nicht verstehen warum er ungeeignet ist. Und natürlich kann man ihm auch nicht sagen, dass er aufgrund seines aktuellen Hartz-IV-Bescheides sofort in die Kategorie „asozial“ einsortiert wurde. Und wer möchte schon einen „Hartzer“ in seinem Haus wohnen haben? Die stinken, schlagen ihre Kinder, haben kläffende Hunde, gucken den ganzen Tag nur Fernsehen, lassen ihre Wohnungen verrotten und natürlich zahlen sie ihre Miete nicht ordnungsgemäß. Und zwar alle. Jeder einzelne Bürger dieses Landes mit solch einem Bescheid ist auch solch ein Mensch. Schublade auf, Mensch rein, Schublade zu. Ist doch ganz einfach. Ihr denkt ich übertreibe? Ich habe auch so einen Schein und ich kenne die Vorurteile, die Blicke, das Gerede.

Wer sich im Pool der Hartz-IV-Empfänger befindet ist automatisch ein Schmarotzer, ein Drückeberger, ein Faulenzer. Und wisst ihr was noch viel schlimmer ist? Ein Hartz-IV-Empfänger der schwanger ist! Denn die kriegen natürlich nur Kinder um noch mehr Geld vom Staat zu kassieren. Keine dieser Mütter hat irgendwelche Ambitionen irgendwann wieder arbeiten zu gehen und eigenes Geld zu verdienen, mich selbstverständlich eingeschlossen. Das Leben ist auch viel schöner und einfacher wenn man sich für jede notwendige Anschaffung, jeden 50€-Schein Geburtstagsgeld oder jeden 15€-eBay-Geldeingang rechtfertigen muss. Wenn man betteln muss um umziehen zu dürfen und zweimal im Jahr alle Kontoauszüge, Kindergeldbescheide, Gehalts- und Versicherungsscheine, ja sogar Handyrechnungen vorzeigen muss. Wenn man sich jedes Mal behandeln lassen muss als wäre man ein Staatsbetrüger, nur weil ein kleiner Prozentsatz der Hartz-IV-Empfänger dies tatsächlich macht. Das ist ein Leben, von dem man träumt, das seht ihr doch genau so, nicht wahr? Folglich ist jeder der monatlich einen Hartz-IV-Geldbetrag bekommt zufrieden damit und alle anderen Menschen dürfen mit diesem und anderen Klischees weiterhin ihre Schubladen füllen.

Und das daraus resultierende Hauptproblem bei der Wohnungssuche? Es spielt keine Rolle wie viel Geld du im Monat zur Verfügung hast, wichtig ist nur von wem du es bekommst. Wer sich eine Wohnung mit einem Bescheid des Staates, ganz egal ob Bafög, Hartz-IV, Wohn- oder Schulgeld, anmieten möchte wird immer Schwierigkeiten haben. Was zählt sind „richtige“ Lohnabrechnungen. Dabei bekommt niemand pünktlicher sein Geld ausgezahlt als Menschen die vom Staat unterstützt werden. Auch Auszubildende aus größeren Unternehmen erhalten äußerst regelmäßig ihren monatlichen Lohn, zählen aber ebenfalls zur ungewollten Sorte Mieter. Und meine Familie und ich, wir sind sozusagen ungewollte Mieter ins Quadrat: ein Staatlicher und ein Auszubildender plus Kinder. Da nützt es auch nichts vom Vormieter eine weiße Weste attestiert zu bekommen oder einen zahlungsfähigen Bürgen vorweisen zu können. Laut hiesigen Maklern und Vermietern sollte die Miete etwa ein Drittel des monatlichen Gesamteinkommens eines Haushaltes nicht überschreiten. Für mich klingt das mittlerweile wie eine ausgelutschte Floskel, denn selbst wenn das Gesamteinkommen diese Rechnung deckt, ist das Geld in den Augen des Vermieters nichts wert, wenn es nicht aus einer Lohnabrechnung stammt. Dazu kommt, dass der Wohnungseigentümer die Mietinteressenten in den seltensten Fällen überhaupt persönlich kennenlernt, da alle geschäftlichen Dinge über Makler und Hausverwaltungen geregelt werden, er am Ende aber trotzdem darüber entscheidet wer die Wohnung anmieten darf. Und kein persönlicher Kontakt beudeutet dann auch keine Chance zu zeigen, dass man eben doch ein vertrauenswürdiger Mieter ist (dabei duschen wir doch jeden Tag, lehnen Gewalt als Erziehungsmaßnahme (und überhaupt) vollständig ab, haben weder einen Hund noch Fernsehanschluß und unsere Freunde werfen uns in Abständen vor bei uns wäre es unanständig sauber und aufgeräumt).

Was also sind unsere Alternativen? In ein Stadtviertel ziehen in dem beliebig viele Wohnungen frei stehen weil dort keiner wohnen möchte, ungeachtet dessen was für unsere Kinder am besten ist und was wir eigentlich wollen? Dokumente fälschen und das sprichwörtlich Blaue vom Himmel herunter lügen um in einem besseren Licht zu erstrahlen? Vier Monate vor der Geburt noch schnell einen gut bezahlten Job finden (haha!)? Oder das Kind gleich in einem Umzugskarton zu Welt bringen? Jeder sollte doch das Recht haben dort wohnen zu dürfen wo er möchte. Vor allem wenn dass Problem nicht darin besteht die monatliche Miete pünktlich und vollständig zu zahlen, sondern man aufgrund von Vorurteilen und Ignoranz gleich zu Beginn in eine Schublade gesteckt wird, aus der man nicht mehr herauskommt. Wir möchten nicht chancenlos aussortiert werden, weil wir einem Erwartungsbild nicht auf Anhieb entsprechen. Wir suchen einfach nur ein Plätzchen an dem wir unsere Kinder mit gutem Gewissen aufziehen können. Und das soll jetzt zu viel verlangt sein?