Corners Of My Mind

Montag, 15.04 Uhr. Auf dem Weg von meiner Haustür zur Haltestelle überfällt mich eine bisher unbekannte Energie aus Selbstbewusstsein und Übermut. Ich hole mein Handy aus der Tasche und wähle seine Nummer. Es klingelt. Tuuut. Ich hole tief Luft. Tuuut. Was soll ich überhaupt sagen, wenn er tatsächlich abnimmt? Tuuut. Das Telefon rutscht mir fast aus der Hand, weil meine Hände schweißnass sind. Tuuut. Ich habe keine Ahnung, ob das überhaupt seine aktuelle Nummer ist. Tuuut. Seine Mailbox meldet sich. Ich lege auf, aber die Nummer stimmt schon mal, sehr gut. Eine Restportion Übermut packe ich mir noch für später ein, dann steige ich in meine Bahn.

Eine Stunde später, versuche ich es erneut. Nach dem zweiten Klingeln geht er ran. „Wollen wir mal wieder einen Kaffee trinken gehen?“, höre ich mich fragen. „Klar, können wir machen“ antwortet er. Daraufhin muss ich mich erstmal setzen. Meine Hände zittern und meine Beine fühlen sich an wie Wackelpudding. Aber ich lasse mir nichts anmerken und rede einfach locker weiter, als ob es ganz alltäglich wäre, dass ich ihn anrufe und Kaffee trinken will. Wir verabreden uns für Donnerstag, dann legt er auf. Und während mein Kopfradio die Rocky-Hymne abspielt, gehe ich in die Knie wie ein Fußballspieler der so eben das entscheidende Tor geschossen hat, reiße meine Arme hoch und rufe euphorisch „yyeeessss“! Satz, Punkt, Sieg, denke ich noch und dabei ist es mir völlig egal, dass die Leute auf der anderen Straßenseite schon komisch zu mir herüber schauen.

Und dann ist Donnerstag. Die Nacht vorher habe ich schlecht geschlafen und tagsüber konnte ich vor Nervosität kaum etwas essen. Auf dem Weg zum Treffpunkt verpasse ich erstmal meine Bahn und komme auch direkt zu spät, obwohl das überhaupt nicht meine Art ist. Auf den letzten Metern fangen meine Beine wieder an zu zittern und meine Hände werden nass. Ich denke mir, cool bleiben Puppe, denn cool bleiben kannst du echt gut. Und dann sehe ich ihn. Schon von weitem habe ich ihn erkannt, denn ich würde ihn immer und überall sofort wieder erkennen, egal wie viel Zeit vergangen ist. Während wir uns in ein Café setzen, normalisiert sich dann auch mein Puls langsam wieder und wir fangen an zu reden. Über dies und das, Job, Familie, Beziehungen, Musik. Und es fühlt sich wirklich gut an. Irgendwie vertraut, obwohl das eigentlich Unsinn ist, denn wir haben seit fast sechs Jahren nicht mehr wirklich miteinander geredet. Noch vor ein paar Wochen habe ich mich völlig zerrissen gefühlt und er war einer der Gründe dafür und nun saß ich ihm gegenüber. Nie hätte ich gedacht, dass ich ihn einfach anrufen und treffen kann.  Also, denke ich, jetzt oder nie, trau dich, deswegen bist du doch hier und dann fange ich an zu erzählen.

„Ich habe einen Blog im Internet“, sage ich. „Ich schreibe über persönliche Dinge und am Anfang habe ich über Musik gebloggt. Über Lieblingssongs aus Filmen, meiner Kindeit oder einen bestimmten Genre und so. An einem Tag im Januar hatte ich das Thema Ein Song der dich an eine bestimmte Person erinnert. Ich habe dir diesen Artikel mitgebracht und möchte, dass du ihn liest. Jetzt.“ Er sieht ein wenig irritiert, aber neugierig aus. Ich gebe ihm zwei Seiten Papier, die ich für ihn ausgedruckt habe und er beginnt zu lesen. Seine Miene lässt keinen seiner Gedankengänge erahnen und ich kann nicht länger hinschauen. Daraufhin beginnt mein Magen mit Überschallgeschwindigkeit Achterbahn zu fahren und mir wird furchtbar schlecht. Ich bin mir nicht sicher ob ich gleich brechen oder einfach in Ohnmacht fallen muss, aber ich hoffe inständig auf letzteres, weil das nur halb so peinlich wäre. Doch dann denke ich, wenn du jetzt umkippst, dann wird er nicht zu Ende lesen können, also reiß dich zusammen und bei diesem Gedanken muss ich sogar ein wenig Lächeln. Und dann, nach gefühlt unendlich vielen Minuten, schaut er auf.

Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung mehr, was er genau gesagt hat. Ich glaube etwas wie „Das ist wirklich gut geschrieben“ oder „Ein echt schöner Text“. Ich bin nur froh, dass er noch immer da sitzt und nicht einfach aufgestanden und gegangen ist. Er sieht ein bißchen gerührt aus, aber vielleicht bilde ich mir das im Nachhinein auch nur ein. Und dann sagt er: „Ich fühle mich geehrt, dass mir so eine große Rolle zu Teil wird“. Oder hat er statt „Rolle“ „Ehre“ gesagt? Mist. Ich kann mich wirklich nicht mehr erinnern. Statt dessen packe ich die Mädchen-Klischee-Kiste aus und fange an zu weinen. Ich bin einfach nur so erleichtert endlich alles „gesagt“ zu haben, was mir seit Jahren auf dem Herzen liegt, dass ich die Tränen nicht zurückhalten kann. Typisch, unnötig, peinlich, aber egal. Ich habe ihn so sehr vermisst und hatte Angst, dass es wieder nur zum Small Talk kommt oder schlimmer noch, er mir erklärt, dass ich ihn in Ruhe lassen soll und er mich ohnehin total doof findet. Irgendwie ist das ziemlich lächerlich und von weitem betrachtet halte ich mich auch für ein bißchen bescheuert, aber das ist ok. Als er mich dann noch fragt, ob er den Artikel behalten darf,  freue ich mich und bin auch ein bißchen stolz, dass er ihm anscheinend gut gefallen hat.

Es war schon ganz schön fies von mir, ihn einfach mit meiner Sicht der Dinge zu überrumpeln, aber ich musste unbedingt wissen, ob es für ihn und mich überhaupt noch eine Chance auf so etwas wie Freundschaft gibt. Ich weiß, man kann eine zerstörte Freundschaft nicht einfach wieder zusammenkleben, als wäre sie nur eine kaputte Vase, aber vielleicht kann man sich eine neue Basis schaffen?! Das fände ich wirklich schön, auch wenn ich nicht weiß, was genau er darüber denkt. Doch als wir uns nach zwei Stunden verabschieden, wollen wir uns auf jeden Fall wieder treffen oder, wenn die Zeit dafür zu knapp ist, telefonieren. Und das ist mehr, als ich mir bisher erhofft hatte.


Zerrissen

Das Beste an der Vergangenheit ist, dass sie bereits vergangen ist. Aber was passiert, wenn die Vergangenheit nicht bereit ist loszulassen? Was ist, wenn dich die Vergangenheit immer wieder einholt, auch wenn du glaubst sie längst verarbeitet zu haben? Wenn sie so zäh an dir klebt, wie Kaugummi an einer Schuhsohle und dich unnachgiebig in deinen Träumen verfolgt, Nacht für Nacht? Dann liegst du stundenlang in der Dunkelheit wach und führst in deinem Kopf lange Monologe mit den Menschen aus deiner Vergangenheit.  Du sagst ihnen all die Dinge, die du ihnen bisher nicht sagen konntest und fragst sie alles, was du noch immer nicht verstanden hast. Vielleicht ist das auch der Grund warum sie dich verfolgen, weil du ihre Antworten nicht hören kannst.

Im Laufe der Jahre kommen und gehen viele Menschen durch dein Leben. Einige wenige überstehen die Zeit und andere hinterlassen beim Abschied tiefe Narben. An manchen Narben bist du selber Schuld, bei manchen Narben warst du einfach zur falschen Zeit am falschen Ort und nicht alle Narben sind auf negative Erlebnisse zurück zu führen. Und obwohl diese Vergangenheitsmenschen weiterziehen und irgendwann einfach ganz verschwinden, bleiben ihre Spuren für alle Zeit gut lesbar zurück. Irgendwann beginnst du dann damit, dir deine Fragen selber zu beantworten, um vergangene Ereignisse besser zu verstehen. Aber im Grunde hast du keine Ahnung, bis zu dem Tag an dem du die Möglichkeit bekommst, jene Menschen wieder zu treffen und mit ihnen zu reden.

Aber so einfach ist es am Ende meist doch nicht. Wie hoch ist schon die Wahrscheinlichkeit einen dieser Menschen wieder zu treffen? Und selbst wenn du eine aktuelle Telefonnummer herausfinden solltest, so verlässt dich doch der Mut, noch bevor du dein Telefon zur Hand genommen hast. Denn du weißt, du hast nur eine Chance. Nur einen Versuch um wieder einen Kontakt herzustellen. Und solltest du dich dennoch überwinden oder tatsächlich einen der für dich so wichtigen Vergangenheitsmenschen treffen, dann wollen sie wahrscheinlich gar nicht mit dir reden oder aber du redest mit ihnen und obwohl es sich für den Moment gut anfühlt bist du hinterher enttäuscht, weil ihre Antworten nur noch mehr Fragen aufgeworfen haben. Und dann liegst du nachts wieder in deinem Bett und die Vergangenheit macht sich ein Spaß daraus, aus den hintersten Ecken deines Gehirns immer und immer wieder diese Menschen hervor zu wühlen, die du so sorgsam in deinem Kopf versteckt hast, weil du die Narben und die Erinnerungen einfach nicht mehr ertragen kannst.

Ich habe mich oft gefragt wie ich diesen Kreislauf durchbrechen kann, denn ganz offensichtlich habe ich meine Vergangenheit nicht sehr gut im Griff. Ich liebe meine Gegenwart, ich bin gespannt auf meine Zukunft, aber dennoch kann ich die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Oder sie mich nicht? Ich weiß es nicht genau. Ich weiß nur, dass es eine handvoll Menschen gibt, die mich immer und immer wieder in meinen Träumen heimsuchen. Dann ist plötzlich alles wieder in Ordnung. Freundschaften sind gekittet, gebrochenes Vertrauen geheilt und über allem schwebt diese Unbeschwertheit, die man, wenn sie einmal verschwunden ist, niemals wieder so zusammen empfinden kann. Und dann wache ich mit diesem schalen Geschmack auf der mir signalisiert, dass diese handvoll Menschen, die unterwegs verloren gegangen sind, noch immer genau das sind – verloren. Weg. Unerreichbar. Dann ist es völlig egal wie schön die Gegenwart ist oder die Zukunft werden wird, dann ist da einfach nur diese tiefe Traurigkeit in mir und das Gefühl, falsche Entscheidungen getroffen, zu wenig gekämpft und zu viel verdrängt zu haben. Und dann liege ich in der folgenden Nacht wieder wach, führe Monologe ohne Antworten und frage mich, ob ich es irgendwann aus diesem Teufelskreis schaffen werde.

Doch statt mich um meinen Schlaf zu bringen, möchte ich lieber das Telefon zu Hand nehmen und die Probleme und Missverständnisse aus der Vergangenheit klären. Oder, wenn es angebracht ist, möchte ich mich für meine Fehler entschuldigen, ihnen sagen, dass ich unreif und kindisch war aber, dass ich es damals einfach nicht besser wusste. Ich möchte ihnen sagen, dass es mir leid tut und, dass sie mir fehlen. Denn egal wie oft und lange ich wach liege, egal wieviele Narben ich mit mir herum trage, eines kann ich nicht, nämlich es bereuen, dass ich diese Menschen getroffen und in mein Leben gelassen habe. Nein, ganz im Gegenteil. Ich möchte sie wieder zurück in meinem Leben. Oder wenigstens die Möglichkeit haben, jederzeit mit ihnen zu reden, wenn mir danach ist und feststellen zu können, dass es ihnen gut geht. Denn auch wenn ich mir tagsüber viel Mühe gebe mich nicht in Erinnerungen zu verlieren, nachts habe ich darüber keine Kontrolle mehr und dann wird mir wieder schmerzlich bewusst, wieviel mir diese Menschen aus meiner Vergangenheit noch immer bedeuten. Auch wenn ich bis dahin vielleicht geglaubt hatte, dass ich längst über sie hinweg bin.

Auch wenn sie davon keine Ahnung haben.